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Für seine treuen Anhänger galt er seit Jahrzehnten als verschollen. Der Dinkel-Nieper NF600 mit der Fahrgestellnummer 0001. Der handgefertigte Vorserien-Prototyp der größten Nutzfahrzeug-Legende der Wiederaufbauzeit, der Begründer des Segments der Baumarktanhänger, tauchte überraschend vor einigen Wochen in Wuppertal-Wichlinghausen auf. Stark verbastelt und von einem langen Arbeitsleben gezeichnet, waren sich Experten des Dinkel-Nieper-Clubs Deutschland dennoch schnell sicher: es handelt sich zweifelsfrei um die Nummer 1, den allerersten Dinkel-Nieper der Welt.

 

 

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs lagen die für die Rüstung so bedeutenden Nieper-Werke in Idar-Oberstein ausgebombt in Trümmern. Statt ihrer weltberühmten Maul-Kupplungen und Suppenkellen aus Nirosta produzierte man am Ufer der Nahe Geschoss-Hohlhülsen aus Buntmetall und lag dementsprechend auf dem Arbeitsweg alliierter Bomber. Reparationsforderungen und die Demontage der metallverarbeitenden Maschinen gaben dem einst weltweit erfolgreichen Unternehmen schließlich den Rest.

 

 

Nur dem ehemaligen Flakhelfer und Diplom-Ingenieur Gernot Dinkel ist es zu verdanken, dass nach 74 erfolgreichen Jahren bei dem pfälzischen Industriegiganten nicht sang- und klanglos die Lichter ausgingen. Der erst 29 Jahre alte Dinkel überzeugte den erst kurz zuvor aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassenen Firmenpatriarch, Hermann Nieper, einen torsionsgefederten Einachs-Hänger mit Winterhoff-Federbügel-Kupplung auf die Räder zu stellen. Der als stur und eigensinnig bekannte und gefürchtete Nieper war von der Idee des Jungspunds anfänglich gar nicht begeistert und wollte die Produktion mit den altbewährten Suppenkellen wieder anfahren, welche keiner Limitierung durch die Besatzer unterstanden. Doch Gernot Dinkel ließ nicht locker und begründete sein Vorhaben in zahlreichen Briefen an den Firmeninhaber. Lastkraftwagen waren in Zeiten des Wiederaufbaus nämlich Mangelware, ihre Herstellung unterlag strengen Auflagen um eine erneute Militarisierung Deutschlands zu verhindern. Anhänger unter 600 Kilogramm Gesamtgewicht fielen jedoch nicht unters Kriegswaffenkontrollgesetz. Zähneknirschend stimmte Hermann Nieper der Produktion des NF600 zu, machte aber keinen Hehl daraus, dass er dem Vorhaben des jungen Ingenieurs skeptisch gegenüberstand und nur zustimmte, weil Dinkels Familie Kapital dazuschoss. 1952 wurde der Dinkel-Nieper NF600 mit der Fahrgestellnummer 0001 der Presse vorgestellt. Der einachsige Allrounder mit dem kubistischen Aufbau und der für die damalige Zeit revolutionären Federung schlug im zerstörten Deutschland der frühen Fünfzigerjahre wie eine Bombe ein und fand reißenden Absatz. Der NF600 konnte mit seinem leichten Eigengewicht praktisch von jedem noch so schwachen PKW oder Kleinlaster der damaligen Zeit gezogen werden. Andere Hersteller wie Westfalia und Böckmann wollten auch etwas vom Kuchen des durchschlagenden Erfolgs abhaben und brachten vergleichbare einachsige Produkte an den Start, die aber ohne die geniale Torsionsfederung eines Dinkel-Niepers auskommen mussten und ständig im Schatten des großen Dinkel standen. Lizenzprodukte des NF600 wurden in Argentinien, Zentralafrika und sogar in der Sowjetunion, dort unter dem Namen Dinkel-Dnepr, gefertigt. 1.191.432 Dinkel-Nieper NF600 wurden bis 1977 insgesamt gefertigt.

 

 

Der kleine Dinkel gehörte zum Straßenbild wie der VW Käfer, erreichte aber nie dessen Popularität. Wer schenkt seine Aufmerksamkeit schon einem vorbei rumpelnden Anhänger, wenn er eben erst den Krieg überlebt hat? Nach dem Tode Hermann Niepers am 21. Juli 1969 lehnten seine Söhne eine Übernahme des elterlichen Betriebes ab. Über die Jahre wurden dringende Investitionen versäumt, die Kapitaldecke der Firma war aufgrund sinkender Verkaufszahlen des mittlerweile 17 Jahre alten Typs NF600 so dünn wie zuletzt 1945, das zweite Standbein, die Suppenkellenproduktion, verlor immer mehr Boden an die Billigkonkurrenz aus Fernost. Gernot Dinkel, mittlerweile zum leitenden Chefingenieur der Dinkel-Nieper Kommanditgesellschaft aufgestiegen, übernahm als Generalbevollmächtigter die Firmenleitung. Doch der Karren steckte bereits zu tief im Dreck. Hermann Niepers Credo „Das haben wir immer schon so gemacht“ stand Innovationen im Weg, die Anhänger der Konkurrenz schulterten mittlerweile die doppelte Nutzlast, der Dinkel-Nieper NF700, die erste behutsame Weiterentwicklung des NF600, steckte im Prototypenstadium fest und die Banken verweigerten Anschlusskredite. Gernot Dinkel sah machtlos zu, wie ein Teil seines Lebens, die Dinkel-Nieper KG, langsam dahin siechte. Trotz Lohnausfällen stand die Belegschaft bis zum Schluss hinter dem genialen Erfinder und man kämpfte bis zum Schluss. Doch 1977 war endgültig Schluss. Der Konzern wurde abgewickelt und die Fabrikanlage verfiel. Der Insolvenzverwalter versuchte noch Teile der Fertigungsstraße separat zu verkaufen, aber bei der Demontage zum Export nach China zerfiel die Kotflügelkantbank altersbedingt in zwei tonnenschwere Teile Gussmetall. Dinkel-Nieper hatte sich selbst überlebt, den Anschluss verpasst, nötige Sanierungen versäumt.
Für Stephan Kerner, dem ersten Vorsitzenden des Dinkel-Nieper-Club Deutschlands, war die Entdeckung des längst verschollen geglaubten Vorserien-NF600 mit der Fahrgestellnummer 0001 das wichtigste Ereignis seines Lebens. Kerner, der seinerzeit als junger Mann den Untergang des Traditionsherstellers vorm Fernseher miterleben musste, zu dem Sensationsfund: „Als uns die Information über ein frühes Modell der Dinkel-Reihe erreichte, sind wir sofort tätig geworden und machten uns auf den Weg nach Wuppertal. Der Dinkel-Nieper trotzte jahrzehntelang dem völligen Zerfall in einer feuchten, einsturzgefährdeten Garage und hat nur dank seiner hervorragenden Qualität und Materialgüte überlebt. Es gibt ohnehin nur noch 42 Dinkel-Nieper weltweit, da macht so ein Fund natürlich erst recht glücklich und stolz.“
NF600 Nr. 1 wurde von einem Clubkollegen Kerners auf dem Wuppertaler Nachtflohmarkt wiederentdeckt. Fälschlicherweise mit Typenschild und Fahrzeugbrief eines Dübener Eis auf Martin Vogeldorn, einem stadtbekannten Trödler und Händler für gebrauchte Feuerlöscher zugelassen, erkannte der Clubkamerad sofort, womit er es hier zu tun hatte. „Die Maserung des Holzes war beim Prototypen noch ganz anders als beim Serienmodell“, so Kerner, „die haben zum Produktionsstart die Baumsorte gewechselt. Außerdem ist die elegante Seitenlinie des NF600 mit seinen seicht gekanteten Radschutzblechen charakteristisch. Das haben sie so bei Westfalia nie hinbekommen.“

 
Die sensationelle Wiederentdeckung des ersten NF600 sorgte für ein Raunen in der Nutzfahrzeugszene. Die von dem Feuerlöschertrödler geforderten 34.000 Euro für das seltene Stück sind zwar durchaus üblich für Prototypen, doch überstieg die Summe die finanziellen Möglichkeiten des Dinkel-Nieper-Clubs.
Dazu Christoph Pichura von Classic Analytics: „Der Markt für klassische Anhänger hat in den letzten Jahren deutlich angezogen. Bei viel gehandelten Typen von Westfalia oder Böckmann ist die Marktlage transparenter, Preise und Wertprognosen lassen sich seriös festlegen. Bei einem Prototypen wie dem Dinkel-Nieper Nr. 1 gestaltet sich die Sache natürlich schwieriger, weil bei einem Einzelstück faktisch kein Markt vorhanden ist. Ob der aufgerufene Preis erzielt wird, wird sich zeigen. Doch betrachtet man die Preisentwicklung auf dem Markt klassischer Anhänger generell, lässt sich sagen, dass der Trend auflaufungebremst weiter nach oben zeigt. „

 

 

Besitzer Martin Vogeldorn, der sich des historischen und finanziellen Wertes seines Dinkel-Niepers all die Jahre nicht bewusst gewesen war und ihn auf Fahrten zu Trödelmärkten bundesweit überladen bei Wind und Wetter hart rannahm, schaffte den NF600 schnurstracks in einem klimatisierten Trailer nach Hamburg zur Garage 11 von Jens Seltrecht. Seltrecht, seit Jahren erste Anlaufstelle in Hamburg für seltene und wertvolle Klassiker, nahm das unrestaurierte Stück in Kommission und kann sich seitdem vor Presseanfragen und Kaufinteressenten nicht retten. Jens Seltrecht über die zweirädige Rarität in seinem Portfolio: „Der Dinkel-Nieper NF600 ist momentan die Krone meines Angebotes. Ich freue mich, dass Herr Vogeldorn gerade mir die Vermarktung anvertraut hat. Damit steige ich direkt in den Olymp der Klassiker-Händler auf!“

 

 

Bereits kurz nach Bekanntwerden des Sensationsfunds rumorte es in der Szene. Analog an Stammtischen wie auch digital in Online-Foren. Schnell kristallisierten sich zwei erbittert streitende Lager heraus. Die, die den Dinkel-Nieper in alter Pracht mit Speichenfelgen und Baumwollplane wiederauferstehen lassen wollen und jene, die dem tapferen Veteran die Spuren eines bewegten Lebens lassen wollen, inklusive Opel Sportstahlfelgen und VW-Schmutzfängern.
Eins ist jedoch sicher: Nummer 1 lebt! Ob demnächst top restauriert oder weiterhin patiniert mit Fremdteilen aus dem Opel- und VW-Regal, wird sich zeigen. Wir bleiben dran. Nochmal verlieren wir NF600 #0001 nicht mehr aus den Augen. Das sind wir unseren Lesern schuldig.

 

 

 

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Bereits früh nach ergonomischen Geichtspunkten konstruiert: tiefe Ladekante und barrierefreier Zugang

 

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Der Beweis: es handelt sich wirklich um Fahrgestellnummer 0001!

 

 

Essen, Krupp Werke

Das deutsche Wirtschaftswunder: die Nieper-Werke unter voller Auslastung

 

 

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Unerreicht: zeitlose Schönheit in Form und Funktion