Mopar 1968 Assembly

Es geschah irgendwann in den 60er Jahren: der Hot Rod Boom war vorerst gelaufen und Amerikas Helden kehrten müde aus dem ach so glorreichen Vietnamkrieg zurück. Jetzt wollten die jungen Wilden mit Lucky Ohne im Mundwinkel Spaß mit Sex, Drugs und Rock’n’Roll. Vor allem aber Spaß mit dem ersten eigenen Schlitten. Die Auswahl in den Schaufenstern der lokalen Car Dealer war riesig, denn die großen Drei aus Detroit hatten gerade einen wahren Hubraumkrieg angezettelt. Übermotorisierte Intermediate Coupés in greller Kriegsbemalung trafen genau den Geschmack der vergnügungssüchtigen jugendlichen Ex-Söldner. Die hatten dank großzügigem Schmerzensgeld der US Army volle Taschen und wollten einfach nur Gas geben. So rekrutierten sie in den Verkaufshallen eine Armee aus brutal aufgerüsteten Mittelklassewagen ohne Servolenkung und sonstigem Luxus, aber mit viel Leistung. Auf den amerikanischen Ausfallstraßen lieferten sich die Stärksten der Halbstarken anschließend gefährliche Duelle mit ihrem zivilen Kriegsgerät. Deren Bezeichnung machte unmissverständlich klar, was Sache ist:

Pontiac GTO „The Judge“ gegen Plymouth Hemi Cuda, Mustang Boss gegen Chevy Chevelle SS, Mercury Cougar Eliminator gegen Dodge Charger R/T. Diese Kampfnamen klangen fast so respekteinflößend wie die Bewaffnung unter der Air-Grabber-Haube: 426 Hemi, 429 Cobra Jet, 440 Super Commando. Die Muscle Cars waren geboren. Diese Blechmonster waren fahrwerkstechnisch völlig unterentwickelt und konnten vor Kraft kaum geradeaus laufen. Viele der aufgeblasenen Boliden landeten mangels Straßenlage und Koordination an Bäumen und Hauswänden. Wer in kurzer Zeit zuviel Muskelmasse aufbaut, dem fehlt eben die Feinmotorik. Anfang der 70er ging den Muskelprotzen die anabolen Steroide aus. So schnell die Muscle Cars aufmarschierten, so schnell waren sie auch wieder von den asphaltierten Schlachtfeldern verschwunden.

Vierzig Jahre später erleben die angeschossenen Muskelprotze ein sensationelles Comeback. Eine Armee von Muscle Cars rollt seit Anfang des 21sten Jahrhunderts über die deutschen Autobahnen. Akne und Herzprobleme, die auffälligsten Nebenwirkungen von Anabolika, sind von fachkundigen US-Car Kliniken wegrestauriert worden, die neuen Krieger wollen schließlich hochglanzpoliert ihr Posing absolvieren. Beim Blick auf manch neue Halbstarke am Lenkrad fällt dem kriegsgeschichtlich gebildeten Zivilisten jedoch auf, dass die Zeiten sich geändert haben: Die coolen Jungs von damals, mit Lucky Ohne im Mundwinkel und den Blick unangeschnallt nach vorn gerichtet, sind verschwunden. Die neuen jungen Wilden sind nicht jung und nicht wild. Sie tragen Designerklamotten, lesen Drivestyle Magazine und beobachten die Börsenkurve ihrer Social Media Aktien aufmerksamer als die Drehzahlkurve ihrer frisch restaurierten Muscle Cars. Mangels eigener Muckis kompensieren sie diese Defizite nicht im Fitness Studio, sondern mit nachgerüsteter Servolenkung und ADAC-geprüften 3-Punkt-Gurten. Mit Sex, Drugs und Rock’n’Roll hat das wenig zu tun, aber der Vietnamkrieg ist ja zum Glück lange vorbei.

Aus: „Street Magazine“ 5/2012, Helges V8-Satire)