Norman_Chevelle

Hubraumfahrer haben es in einer Welt, die einzig und allein durch grüne Umweltplaketten und die Krombacher Regenwald-Stiftung am Leben gehalten wird, nicht leicht. Während du dein V8-Dickschiff Samstagabend vor der Pommesbude in eine diskriminierend kleine Parktasche bugsierst, hängen hinter der Scheibe vom Thomas-Grill zerstörte Existenzen in Jogginghose und glotzen dich vorwurfsvoll an. Obwohl sich die Kernfrage ihres gesamten Daseins in der Entscheidung ob ‚mitnehmen‘ oder ‚hier-essen‘ manifestiert, wissen sie eins ganz genau: Wenn Eisbär Knut morgen an einem Hitzschlag verreckt, ist das Schwein mit dem Ami-Schlitten schuld…

Du betrittst den Laden und bestellst Wie-Immer-Mit-Scharfmachen. Der Tresenchef nickt die Bestellung ab, im Hintergrund sucht das interaktive Privatfernsehen Automarken mit ‚A‘.

Showdown. Das Essen ist fertig. Thomas reicht dir die weiße, dünne Tragetasche mit dampfenden Aluschalen über die Glastheke. Die gesamte Stammkundschaft stellt sich dir mit verschränkten Armen in den Weg. Du weißt, du kommst hier erst raus, wenn du dich persönlich bei Werner, Uwe und Angelika für den Klimaeffekt entschuldigt hast. Du fühlst dich wie ein Nordamerikanischer Robbenklopper, der von einer Grundschulklasse auf frischer Tat ertappt wurde. Nur dass diese Schulklasse hier nach West Bigbox und Pommesfett riecht. Totenstille, nur die Friteuse blubbert.

Ein Husten zerschneidet die Ruhe. Am Durchgang zum Gäste-WC wacht Jupp auf. Chronische Bronchitis. Auf dem Tisch mehrere leere Mümmelmann-Pinnchen. ‚Audi‘ brüllt er auf den Fernseher zeigend. Alles starrt Jupp an. Ich nutze die Gunst und haue ab.

An der 24h-Tanke: im SB-Sauger-Bereich trifft sich die Standlicht-Fraktion in der Abenddämmerung. An Säule 3 klickt die Zapfpistole bei 117 Euro aus. Ein Anzugträger mit Mittelklasse streift sich den Diesel-Einmalhandschuh ab und sieht mich mitleidig an, wie ich den Super Plus-Rüssel in den Tank halte. Die unterbelichteten Standlicht-Freaks kommen aus ihrer dunklen Ecke und nähern sich meinem Schlitten vorsichtig, als wäre ich mit einem UFO bei Aral gelandet. „Voll scheiße, jeden Tag für 200Euro zu tanken, ne!?“ fragt mich der Typ mit dem Knicklicht im Mundwinkel. „Fahrwerk ist auch asi, nur geradeaus, ne!?“ Während ich mich noch darüber wundere, dass Menschen mit blondierten Haaren und MP3-Handys Nebensätze bilden, steckt mir der selbstständige Unternehmer von Säule 3 seine Visitenkarte ans Ausstellfenster: „Wenn sie mal einen Zweit-Job brauchen, rufen sie mich an. Ich weiß doch wie das bei den Spritpreisen ist. Mit so einer Karre…“

Sonntagmorgen. Die Sonne scheint. Vielleicht hab ich die Freakshow von gestern Abend ja auch nur geträumt. Der Einzelhändlerverband Essen-Ost lädt heute zum großen Oldtimer-Festival in der Fußgängerzone – mit Hüpfburg und Live-Musik. Zwischen Kuchen-Buffet und Brezel-Käfer den Midsize-Kombi abgestellt, überlege ich, ob es Marmor- oder Baumkuchen zum Frühstück sein soll. Währenddessen schreitet das Fußvolk, bestehend aus youngtimer-interessierten Studenten und Frührentnern mit Monatsfahrkarte, zur technischen Abnahme.

Die generationenübergreifende Jury ist sich schnell einig: ein Auto aus Amerika ist nicht nur viel zu durstig und kurvenuntauglich, es ist auch generell beschissen verarbeitet und leistungsarm. Find ich gut. Autos in der Optik und von der Größe, dürfen weder auf Verständnis, noch auf Sympathien stoßen. Noch nie Wheels Of Terror gesehen? Die Guten fahren nie die geilen Karren.

Und das mit den schlappen Motoren stimmt auch nicht: jeder V8-Fahrer wird dir versichern, dass sein 1987er Smallblock bereits serienmäßig, sogar vor der Montage des Sportluftfilters, 400 PS an die Hinterachse lieferte…

Übrigens: 1965, als die deutsche Durchschnittsmotorisierung irgendwo um 50 PS dümpelte, wurden bereits 80% aller in den USA gebauten Neufahrzeuge mit Automatik-Getriebe ausgeliefert. 73% hatten einen V8 unter der Haube und 23% eine Klimaanlage.

Aber was bringt einem der durchzugstärkste Motor, die kälteste Klima und die sanfteste Automatik, wenn das Kunstleder der vorderen Sitzbank nach 35 Jahren genauso rissig ist wie der Thermoplast-Lack?

Vielleicht meld ich den lebensgefährlichen Wagen lieber heute noch ab. Morgen ist dann bereits das Ozon-Loch wieder zu und übermorgen sammel ich Unterschriften in der Fußgängerzone in der Oststadt. Gegen Robbenklopper und für Neuwagen mit ESP…

Text: Norman Gocke. Mehr private Statements unseres stellvertretenden Chefredakteurs in der Motoraver Ausgabe No.30

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