Ich hatte damals noch nicht einmal den Führerschein, als ich das erste Mal Vanishing Point auf VHS sah. Kompromisslose Freiheit mit 70er Big Block Challenger. Den Film in der Nacht gleich dreimal hintereinander gesehen und am nächsten Tag mit dem guten Gefühl aufgewacht, dass es einen Film gibt, der all das auf den Punkt brachte, was bisher diffus und unzusammenhängend in meiner pubertierenden Birne umherschwirrte. Raus aus der Gesellschaft gleichgeschalteter Zombies, die alles was sie taten für „später“ machten, raus aus dem sechs Parteien Zechen-Haus, rauf auf die Bahn, vorne ballert der V8, hinten quieken hilflos die Polyglass Goodyears wie abgestochene Baby-Schweinchen. Den ganzen engstirnigen Schrott und das hohle Gelaber im Gumminebel hinter sich lassen. Sich keiner sozialpädagogischen Gutmenschen-Klassenlehrerin beim Elternsprechtag erklären müssen, nicht für jeden Furz und Feuerstein Rede und Antwort stehen müssen vor Leuten, die man doch eh nicht leiden kann, noch nicht mit fast 18 wissen müssen, was mit 54 ist. Freiheit spüren, machen, was man will.

Vanishing Point ist mittlerweile ein über 40 Jahre alter Film, Barry Newman ein greiser Mann, der mehrmals Nachts raus muss. Doch, (Achtung Phrase!) der Film ist aktueller denn je. Die fetten Jahre sind vorbei, die Mächtigen sind in den letzten Jahrzehnten noch mächtiger geworden, wir dank multimedialer Dauerbestrahlung zunehmend dümmer, dank McDonald’s immer fetter und dank 24/7-Onlineshopping immer konsumhöriger geworden. Und so langsam geht’s ans Eingemachte. Alles ist alternativlos. Beschissene Löhne auf breiter Front, absurde Enteignungen für die schwächelnde Konjunktur (Umweltzonen, bald jährlicher TÜV ohne geringfügigste Mängel), Zensur des Internets, Beschneidung der Meinungsfreiheit, Bundeswehr im Innern und die Rente, für die Mutti und Vati ihr Leben lang eingezahlt haben, ist einfach weg und keiner weiß wohin.

Wäre Kowalski im Jahre 2012 durchgedreht, hätte es Stand unserer heutigen, tollen, digital vernetzten Technologie keine 15 Stunden gedauert,  ehe er sich mit seinem Nissan Micra in zwei Baumaschinen geworfen hätte. Bevor wir uns im Klaren darüber sind, was wir denken, wissen es Amazon, google und Facebook. Buchkäufe der letzten Monate in Verbindung mit den zuletzt eingegebenen Suchtags plus die Befindlichkeitsmeldungen auf Facebook (was für eine Scheiße) und fertig ist die Laube. Schaffen wir es trotzdem noch bis zur Wohnungstür und bekommen trotz Schaum vorm Mund die Fahrertür auf und den Motor an, meldet unser schweinegeiles iPhone 5 dank GPS in Echtzeit unseren Standort und wenn das nicht reicht, fotografiert uns ja immer noch jede durchfahrene Mautbrücke zwischen Flensburg und Passau. Nur um doppelt sicher zu gehen, auch wenn Euer 70er Challenger R/T eigentlich kein LKW ist. Maschinenlesbarem Kennzeichen mit FE-Schrift sei dank. Und man dachte bisher immer nur, man möchte uns mit dieser fürchterlichen Typografie einfach nur die geile Karre versauen.

Alles irgendwie zu subtil? Wenn es einem zu unbequem ist, braucht man einfach nicht drüber nachdenken, die Augen zu machen und alles wird schon gut. Das scheint dem niederländischen Staat wohl zu wenig zu sein. In Holland stellt man seit Anfang August jeden Einreisenden unter Generalverdacht. Plakativ mit Kamerabrücken an jedem Grenzübergang. Fuck off Unschuldsvermutung, wie wir auf unserer Fahrt mit dem FE-gekennzeichneten Caprice zum American Stars on Wheels in Belgien bei unserer Passage durch die Niederlande erleben durften. Sechs Stunden täglich und insgesamt 90 Stunden im Monat erlaubt die EU der niederländischen Obrigkeit die totale Überwachung. Alle Grenzübergänge werden im großen Stil kameraüberwacht, Autos erfasst und Kennzeichen, Fahrzeugtyp und Herkunft ausgewertet.

 

Grenzübergang A40 bei Venlo

 

Alles zu unserer Sicherheit vor Milliarden von Terroristen und Pädophilen, die uns alle in die Luft sprengen wollen. Kontrolliert von redlichen, unabhängigen Politgrößen, die im Schulterschluss mit Lobbyisten, Banken und Kartellen jederzeit in Sorge um uns sind. Und je länger man uns überwacht, desto mehr vermeiden wir unterbewusst, das zu sagen, was wir denken und das zu tun, was wir wollen.

Dass der Durchschnitts-Brutto-Netto-Touran-Fahrer im Mischgewebe-Sakko von C&A sich tatsächlich auch dann noch gut behütet vorkäme, wenn das BKA demnächst in allen bundesdeutschen Wohnzimmern Richtmikrofone und 360°-Kameras an die Decke dübeln würde und Blackboxen für Leasingfahrzeuge vorgeschrieben wären, würde mich nicht im Geringsten wundern. Aber das sich auch der Großteil der mit tätowiertem Koi-Karpfen-Unterarm individualisierten Punkrock- und Hardcorekids mit mattschwarzem Granada und Black Flag-T-Shirt nicht daran kratzt und lieber aufs Smartphone glotzt als sich mal umzugucken, lässt einem die Kotze hochkommen.

Baumaschinen statt Happy End. Scheiße, dass man Freiheit nicht bei Amazon bestellen kann.

Speed means Freedom of the Soul