Wie es die hart erarbeitete Außenwahrnehmung von Deutschland vermuten lässt, gibt es selbst für Kunstworte klare Definitionen. Youngtimer – das klingt schon so wunderbar nach Reglementierung und Richtlinien. Dabei spielt es auch keine Rolle, dass außerhalb der Landesgrenzen kein Mensch etwas mit diesem Begriff anfangen kann. Viel wichtiger ist doch, dass der leidenschaftsgetriebene Individualverkehr nicht etwa anarchistisch daher kommt und jeder macht, was er will.

Wikipedia sagt: „Youngtimer ist eine Bezeichnung für ältere Kraftfahrzeuge, insbesondere Personenkraftwagen, die als Liebhaberfahrzeuge genutzt werden, aber noch keine Oldtimer sind.“ Später heisst es dann ergänzend: „… So spricht man teils auch bei einem Pkw mit einem Alter von 15 Jahren von einem Youngtimer, am gebräuchlichsten sind 20 Jahre.“ Ein Blick in den Kalender übertrifft die schlimmsten Vermutungen. Vor 15 Jahren hatten wir das Jahr 1997.

Die 90er Jahre waren ohne Zweifel eigentlich viel schlimmer als die 80er. Während Til Schweiger sich in einem verbastelten kunstvoll modifizierten Opel Manta über die Kinoleinwände prollte und die jugendliche Landbevölkerung zu Euro Dance Bässen gegen Alleebäume raste, waren die Ausstellungsräume der Autohändler bereits mit gestalterischen Verbrechen an der Automobilwelt zugestellt.

Der VW Passat war schon in den 70ern nicht die Ausgeburt der Coolness, aber die als B3 bezeichnete Baureihe sollte man umgehend einer fachmännischen Entsorgung zuführen, ehe in der Oldtimer Markt noch das neue Youngtimer Special erscheint.

Opel hatte sich mit dem Kadett E längst außerhalb der Grenzen des guten Geschmacks bewegt. Der Opel Astra macht aber schon bei bloßer Betrachtung ungefähr so dolle Kopfschmerzen, wie das gleichnamige Bier.

In München wurde der 3er BMW, mit der Baureihe E36, auf ein geradezu unerträgliches Vertreter-Level gehoben. Der Hofmeister Knick ist alles, was übrig blieb von den Designmerkmalen der ehemals sportlich aggressiv wirkenden Bayernbeschleuniger.

Auch in allen anderen Ländern wurden die längst selten gewordenen wirklich coolen Fahrzeuge nahezu ausnahmslos ausgerottet. Das Zeitalter fehlender Erkennungsmerkmale und gestalterischer Unzumutbarkeiten hatte begonnen. In Kombination mit den immer kürzer werdenden Lebenszyklen von Neuwagen, stetig wachsenden Sicherheitsbestimmungen aus Brüssel und der expandierenden Lifestyle Industrie verliert Individualität immer mehr an Bedeutung. Das Ergebnis sind mit Sicherheitsfeatures überladene, stilistisch fragwürdige und alles andere als leicht zu reparierende Autos, in denen man nicht einmal zum Aldi fahren möchte.

Mit jedem Jahr das vergeht, werden die sogenannten Youngtimer furchtbarer. Da Youngtimer aber schon vor längerer Zeit durch die Medien als cool erklärt wurden, sind es rostüberzogene Golf 3 und mattschwarze Ford Focus, die in rebellischer Absicht durch die Innenstädte bewegt werden. Mit Airbag, Klimaautomatik, elektronischem Fehlerspeicher und grüner Umweltplakette.

Fakt ist jedenfalls, dass eine unsinnige Begrifflichkeit, allgemein gültige Baujahresgrenzen und die deutschen Automedien damit klar definieren, was eigentlich cool ist. Der automobil interessierte Gesellschaftskritiker liked das mal eben bei Facebook und schaut dann im Internet nach einem passenden Angebot. Gern schon optisch verfeinert, um gleich auf’s Gas treten zu können. Früher sah Rebellion anders aus, aber vielleicht bin ich mittlerweile auch einfach nur alt.

Bilder geklaut: Hier, hier, hier und hier.