Früher war alles besser, sagt meine Oma und alzheimert sich eine Vergangenheit schön, die nicht immer goldmetallic war. In einer Sache mag sie aber durchaus Recht haben: Heute widmen sich immer mehr Menschen mit besonderem Geschmack automobilen Meisterstücken aus dem früheren Jahrhundert. Sie bergen die Schätze aus vergessenen Scheunen, retten sie vor Fähnchenhändlern mit Export-Absichten, dengeln ihren vierrädrigen Freunden zärtlich das Blech und halten ihnen treu das Lenkrad.

Als den Automobilkonzernen zu Beginn unseres aktuellen Jahrhunderts design-technisch die Ideen ausgingen, passierte es: In einer verzweifelten Zielgruppenerhebung fielen genau diese Altblech-Freaks durch das Raster automobiler Marketing-Täter und wurden letztendlich für einen Trend verantwortlich gemacht, den sie so nie gewollt haben können: die Retro-Welle. Macht doch mal was für diese Oldtimer-Leute, wird der Vorstand seinen Chef-Designern geraten haben. Tsunami-gleich bricht seitdem das automobile Grauen über uns herein und frisst sich kilometerweit in den Asphalt. Nach anfänglichem Staunen über die neue Lust am alten Design macht sich neben Brechreiz die Erkenntnis breit, dass kaum einer von den Entscheidern wirklich weiß, was er da tut. Wie sonst hätte der neue Dodge Charger mit vier Türen vom Band laufen können, der New Beetle einen Golf-Frontmotor und der neue Mini die Größe eines Mittelklasse-SUVs bekommen können? Egal, der übernommene Name vermittelt doch Historie und Coolness. Wird schon keiner so genau hinsehen. Gedankenlos und halbherzig wird in den Kreativ?-Abteilungen der schwächelnden Auto-Industrie in der guten alten Zeit gewildert. Und wenn das Retro-Plastik-Monster vielleicht doch etwas mutiert aus den Xenon-Scheinwerfern schielt, müssen eben die Fahrer und Tuner von damals ran.

Zum Beispiel der Fiat 500 Abarth, der dem Meister der Kleinwagenfrisierer huldigt, aus dem Skorpion aber soundtechnisch eine Mücke macht. Oder der Mustang Bullitt, eine Sonderserie, in der sich der dynamische Leasingnehmer wie Steve Mc Queen fühlen soll. Nur, dass dieser keinen Gurt-Pieper ertragen musste und bei einer amtlichen Verfolgungsjagd kein ESP benötigte. Auch, wenn meine Oma längst schlief, als ich mich vor der Telefunken-Röhre mit Bullitt, American Graffiti, Two Lane Blacktop oder Cannonball mit dem Altblech-Virus infiziert habe, sie hätte sich heute nicht verarschen lassen. Original oder Fälschung ist manchmal eben auch eine Frage des Charakters.