DRIVE hatte Filmstart in Deutschland. Wir waren pünktlich im gemütlichen Programmkino. Vorbereitet nur durch spärliche Ankündigungen, eine Regie-Palme aus Süd-Frankreich, Auto-Actionfilm-Retro-Zeitungsberichte und den kurzen original Trailer. Ein Freund schrieb auf Facebook noch eine kurze Ode auf Stimmung und Soundtrack und munkelte von einer schlimmen Szene…  Was blieb, war die Hoffnung, dass der Film uns gut unterhalten möge.

Hier der Inhalt in offizieller Lesart:

Tagsüber arbeitet Driver (RYAN GOSLING) als Stuntman für Hollywood. Reine Routine. Erst nachts erwacht der wortkarge Einzelgänger zu Leben, als Fahrer von Fluchtfahrzeugen bewaffneter Einbrüche. Keiner kann ihn schnappen, keiner kann ihm das Wasser reichen. Dann lernt der coole Driver seine neue Nachbarin Irene (CAREY MULLIGAN) kennen – und verliebt sich in die alleinerziehende Mutter. Als Irenes Ehemann Standard (OSCAR ISAAC) aus dem Knast entlassen wird, lässt sich Driver zu einem vermeintlich todsicheren Ding überreden: Mit der erbeuteten Kohle will Standard seine Schulden abbezahlen und Irene eine gesicherte Zukunft bieten. Doch alles geht schief. Die Jagd auf Driver und Irene ist eröffnet – wenn es ihm nicht sofort gelingt, den Spieß umzudrehen…

Und hier unsere eigene Review:

Der ganze Film hat eine David Lynch- und Tarantino- und anfangs sogar eine David Hamilton-artige Atmosphäre. Das ist sicherlich auch der Grund für die Goldene Palme in Sachen Regie. Anfangs wird der auf Action eingestimmte Zuschauer konsequent entschleunigt. Sowohl die abgekarterte Fahrt als gemieteter Fluchtfahrer für zwei Bruch-Gesellen als auch das zart beginnende Verliebnis mit seiner niedlichen Nachbarin haben Längen, die wir zuletzt bei „Spiel mir das Lied vom Tod“ erlebt haben. Der Darsteller Ryan Gosling sieht auch eher aus wie ein Fünfziger Jahre California Longboard-Surfer. Ähnlichkeiten mit unseren Helden bekannter Auto-Action-Movies (siehe auch die Motoraver-Filmplakat-Ausstellung) werden vergeblich gesucht. Der Typ sieht zunächst aus wie Mamis Liebling.

Dann kommt der schnöde Alltag ins Spiel. Driver arbeitet hauptsächlich als Mechaniker bei seinem Kumpel und „Agenten“ Shannon, einem hinkenden, alternden Kleinkriminellen mit cooler Werkstatt für amtliche US-Cars. Es gibt zwar eine Szene, wo er als Stuntfahrer einen Bullen spielt und einen dreifachen Überschlag hinlegt, okay. Aber die Musik macht eine Phantomas-mäßige Maske, die er sich überzieht, um dem eigentlichen Hauptdarsteller zu ähneln. Hier kommt neben der Langsamkeit der Bilder allmählich das schräge Element hinein. Unterstützt von einem wundersamen Soundtrack aus melodischen Pop-Songs mit Eighties Touch und Elektro-Tuning.

Doch dann wird es (ebenfalls ganz langsam) fies in dem bis dahin fast verstörend zahm wirkenden Streifen. Shannon will die Finanzierung für ein Rennauto auftreiben, damit Driver künftig Profirennen fahren kann – mit ihm als Manager des Rennstalls. US-Mafia-Typ Bernie Rose (ALBERT BROOKS) kommt da gerade recht. Als er Driver in Shannons Nascar auf einem einsamen Rennkurs erlebt, ist er fasziniert und regt an, das sein Partner Nino (geniale Fresse: RON PERLMAN) 300.000,- $ locker macht. Bis dahin schien noch alles im grünen Bereich, obwohl die unguten Vorahnungen zunehmen.

Als der Ehemann der niedlichen Nachbarin dann urplötzlich aus dem Knast nach Hause kommt, hält sich Driver gentlemen-like zurück und überläßt ihm das Feld. Und dann kommt Splatter-Meister Tarantino zum Zug: Driver findet erst den kleinen Sohn völlig verstört und dann den blutüberströmten Ehemann Standard (OSCAR ISAAC) im Tiefgaragen-Keller des Hauses. Er wurde zusammengeschlagen und mit harten Geldforderungen liegen gelassen. Bitter, doch Driver gerät in Folge in eine nicht endenwollende Spirale aus Blut spritzender FSK 18-Gewalt – in eine von Rache geleitete Action des sich aufbäumenden kleinen Mannes, der seinen neuen und alten Freunden heldenhaft zur Seite steht. Die Auftraggeber hinter den Angriffen auf seinen Nachbarn sind natürlich Bernie und Nino, die ihm eigentlich die Chance auf eine Nascar-Fahrer-Karriere ermöglichen wollten. Interessant ist, dass sich sowohl die melodisch-elektrisch-schmusige Filmmusik als auch die stoische Erscheinung von Driver kaum verändern – außer durch die zunehmende Menge an Blutspritzern im Gesicht und auf seiner einzigen Jacke.

Es ist vom Verlauf ein bißchen so wie in „From Dusk till Dawn“, wo das Filmerlebnis durch eine  plötzliche Komplett-Umkremplung zweigeteilt wird.

Fazit:

Wir haben DRIVE erst im Nachklang und nach einem ordentlichen Drink schätzen können. Als eine Art Kunstfilm, getragen durch den sehr gradlinigen, relativ normal wirkenden Hauptdarsteller, der eigentlich keinen Ärger will und doch in seinem Umfeld keine üble Machenschaften duldet. Und verstörend untermalt von einem genial entspannten Soundtrack, der dem ganzen Splatter gerade nicht durch harte Gitarren-Riffs die Krone aufsetzen musste.

Ein Film, an den man eigentlich nur wegen seiner speziellen Machart erinnern wird. Und der so gar kein Road-Movie, Blockbuster-Action- oder typischer Auto-Nerdfilm ist…

(Rezension: Christian Böhner)