Freedom means nothing left to lose, hat mal ein schlauer Philosoph aus Bochum gesagt und ich glaube, er hat recht. Nach Freiheit streben ist das Eine, in Freiheit leben das Andere. Vielleicht ist Gunter Gabriel, der Erfinder des deutschsprachigen Punkrocks, Stehaufmännchen und Hausbootkapitän, einer der wenigen wirklich freien Menschen in diesem kaputten Land. Die Geschichte ist hinlänglich bekannt: als deutscher Johnny Cash in den Siebzigern und Achtzigern gefeiert, verarscht worden, mit 10 Millionen Mark Schulden im Wohnmobil auf der Flucht vor Gläubigern gewesen, zuviel gesoffen, zu oft an Selbstmord gedacht und nicht immer gut gewesen, bekam der Mann aus der Zigarrenstadt Bünde mit Beharrlichkeit und seiner mittlerweile legendären Wohnzimmer-Tournee (pro Auftritt 1.000 Euro Gage) irgendwie die Haushaltskasse in den Griff und blickt, mittlerweile 70-jährig, entspannt auf ein Leben zurück, das andere keine 14 Tage ausgehalten hätten.

Gestern gab sich Gunter in der Wuppertaler Börse die Ehre, um aus seiner vor zwei Jahren erschienenen Biografie Wer einmal tief im Keller saß zu lesen und nebenbei auf seiner berühmten schwarz-rot-goldenen Akustikgitarre zu spielen, die er übrigens nächste Woche gegen eine Cadillac Stretchlimousine eintauschen wird.

Verwunderlich das Publikum: unter den ca. 50 Menschen die sich einfanden, nicht wenige Vertreter des Kleinbürgertums, die sich offenbar die Bestätigung für Ihren gewählten Lebensweg abholen wollten, zwei ständig zwischenrufende Alkis und nicht wenige gackernde Hausfrauen, deren Wechseljahre noch vor der Wende eintraten und die bei Gunters Schmuddel-Zoten laut gackern. Bierselige Trucker im Vorruhestand drängen sich ins Rampenlicht um mit Gunter zu kuscheln oder um ihm einen Ledergürtel oder eine Urne als Gastgeschenk zu überreichen. Eine Stimmung wie auf Muttis 50., gleichzeitig bizarrer als jede Cyber Gothic Party.

Aber Gunter ist geil. Ein in sich ruhender Klotz, der so versoffen aussieht, dass man es ihm im Leben nicht abnimmt, dass er seit 1996 trocken ist. Im Januar diesen Jahres musste Gunter zum sechsten Mal in seinem Leben den Lappen abgeben. Diesmal wegen 1,3 Promille. Ein Ausrutscher, wie er sagt. Herr Gabriel sieht zwar versoffen aus, dafür aber nicht wie 70. Hut ab. Gleich zu Anfang erklärt er dem Auditorium, dass er bei dieser Lesung gar keinen Bock hat, aus seinem Buch vorzulesen, weil er das nun schon ein paar mal gemacht hat. Lieber singt er. Noch lieber aber sitzt er einfach da und erzählt aus seinem Leben. Wie er in Nashville, Tennessee, Johnny Cash besuchte, dass er stolz auf sich ist und dass sein Leben rückblickend richtig geil war.

Altersweise ist er geworden, der 22 mal vorbestrafte Rebell, von dem seine jüngste Tochter sagt, er sei sein eigenes Land. Er hat gerade noch mal die Kurve im Leben gekriegt, genießt glaubwürdig jeden einzelnen seiner letzten Tage und weil das Rebell sein von ihm verlangt wird und ihm letztlich eine gute Auftragslage beschert, legt er sich nach Lust und Laune mit jedem an, weil sein Kontostand nicht vom Ärsche küssen abhängig ist. Ich habe mit weitaus mehr Menschen zusammen Slayer, AC/DC und die Flippers live gesehen, der Abend mit Gunter aber war eindrücklicher.