Das Auto ist die wichtigste Errungenschaft des 19. Jahrhunderts und nichts prägte das Leben der Menschen und das Erscheinungsbild der Städte im 20. Jahrhundert mehr als der Individualverkehr. Insbesondere nach dem 2. Weltkrieg gab es für jeden Arbeitnehmer der westlichen Hemisphäre nichts erstrebenswerteres als den ersten eigenen fahrbaren Untersatz und dass das weltweite Straßennetz mit seinem den ganzen Planeten umspannenden Asphaltband nicht als achtes Weltwunder gilt, ist ein Skandal. In den meisten Kreisen der geistigen Elite und des Bildungsbürgertums (außer unter Motor Klassik-Lesern), gelten Autos als schnöde, nicht weiter beachtenswerte Gebrauchsgegenstände, wenngleich die wenigsten Vertreter dieser Gesellschaftskaste dann doch nur Dacia Logan oder Ford Sierra aus 5. Hand fahren. Autos gelten weiterhin als Lebensinhalt von Prolls, Kleinkindern und anderen bildungsfernen Schichten, mit Ausnahme neureicher Maserati- und Ferrari-Schnösel, die meistens aber auch nicht gebildet sind. Das ausgerechnet die spinnerte Kunstszene beim unrunden Leerlauf einer scharfen Nockenwelle nicht erigiert oder beim Anblick eines Coke Bottle Shapes nicht Bock auf Sex kriegt, sollte daher erst recht nicht verwundern.

 

 Um so schöner war es deshalb, dass sich das Tinguely-Museum in Basel diesem längst überfälligem Thema widmete. Kein anderes Kunstmuseum hätte der ‚Fetisch Auto‘-Ausstellung einen besseren Rahmen bieten können, als das Tinguely-Museum, dass vollgestopft ist mit der Endzeit-Schrott-Kunst von Jean Tinguely. Immerhin auch beweglich und rostig..

Vielversprechender Ansatz, ein hintergründiges Thema, ein netter Austellungsort. 15 Franken beim unfreundlichen Personal abdrücken und rein in die Kultur. Und so schlecht ging es gar nicht mal los: die großartigen Vector Portraits von Andrew Bush hingen an der Wand, spätsechziger Pontiac-Werbespots wurden gezeigt und ob der Münzeinwurf-K.I.T.T. für Kinder am Haupteingang mit Bedacht aufgestellt wurde, würde man der Museums-Leitung nicht im Geringsten zutrauen. Oder doch? Wie auch immer, der 55er Flower-Ford war echt gut und ein paar historische Unfallbilder ebenfalls eine längererere Betrachtung wert. Hätte man aber auch als Bildband kaufen können und sich die Fahrt vom Ruhrpott in dieses seltsame Land sparen können. Wie auch immer. Je länger man sich in der sehr überschaubaren Fetisch-Ausstellung aufhielt, desto mehr zeichneten sich wieder die Probleme der zumeist führerscheinlosen Kunst-Garde mit dem Thema Auto ab: Alles kritisch, zum Nachdenken anregen wollen und den Materialismus hinterfragend. Kennen wa alles, ham wa schomma gehört. Wer unumwunden zugibt, das Autos geschickt platzierte Konsumgüter sind, die einfach geil sind, wird auch weiterhin zur Working Class gehören. Gut so. Oi!

 

Die Ausstellung ist mittlerweile auch zu ende, was auch gut ist. Das Schönste dieser 1.300 Kilometer langen Kulturreise war rückblickend der Moment, als der eine Spezialjugendliche mit Sehschwäche beim Rückwärtseinparken dem anderen Spezialjugendlichen mit Sehschwäche sagte, dass er den Pappkarton oder Furnierschrank in der Parkbox nicht wegräumen müsse, weil er ihn einfach platt fahren würde und dieser letzten Endes ein über nacht dort abgeladener, aufgebrochener Safe war…