Obwohl ihr Land bisher noch nicht einmal über so etwas wie ein Autobahnnetz verfügt, sind die Polen absolut benzingeil, besser gesagt: methanolgeil. Speedway hat östlich der Oder einen Stellenwert wie hierzulande die Bundesliga. So gut wie jede Stadt Polens hat ein Speedway-Stadion und die aktuellen Rennergebnisse kommen in den Nachrichten immer vor den Fußballresultaten oder anderen, verbrennungslosen Sportarten. Motoraver machte sich deshalb auf den langen Weg vom Ruhrgebiet nach Bydgoszcz, um dem Wahnsinn auf den Grund zu gehen.

Erster Eindruck an der Strecke, nachdem uns paramilitärisch angehauchte Securities mit Schlagstöcken und schlechten Neunzigerjahre-Spiegelsonnenbrillen nur widerwillig zur Akkreditierung passieren ließen: Speedway ist nix für Pussies. Beim Methanoltanken wird lässig Filterlose geraucht, die große Zahl der Rollstuhlfahrer unter den Besuchern spricht für sich und der gröhlende Pöbel feuert hinter Stahlzäunen eingesperrt russische und ukrainische Fahrer an, die hier zwar gefeiert werden, anderswo aber gewiss polizeilich gesucht werden, auch wenn die meisten von ihnen gerade erst die Pubertät hinter sich haben. Wie beim RWE-Heimspiel. Man fühlt sich zuhause.

Kurz vorm Start: Knapp minderjährige Schönheiten aus der Region führen die nicht wenig älteren Gladiatoren mit den Stahlsohlen in die Arena. Aus den Stadionlautsprecher plärrt wahlweise Eye of the Tiger, AC/DC oder Bon Jovi. Die Luft brennt, die Menge johlt und das, obwohl Alkohol auf den Rängen verboten und nur in der Stadionbar erlaubt ist.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Motorsportarten treten verschiedene Rennteams mit ihren Fahrern im Namen eines Motorsportclubs an. In diesem Fall empfängt ZKS Polonia Bydgoszcz SA den südpolnischen Rivalen RKM ROW Rybnik. Unter anderem für die Gäste am Lenker: Der in Brasilien geborene Schwede Antonio Lindbäck, der nach erfolgreichem Alkoholentzug 2007 wieder fest im Sattel sitzt und europaweit erfolgreich Methanol verbrennt. Ein wahrer Weltbürger.

Die Regeln sind übrigens auch für Alkoholiker leicht verständlich: Es starten immer vier Motorräder (zwei Fahrer pro Verein) für vier Runden über je 360 Meter. Der Gewinner eines jeden Rennens erhält drei Punkte, der Zweitplatzierte zwei Points, der Dritte einen und der Letzte selbstverständlich keinen. Wieviele Rennen gefahren werden, habe ich vergessen, aber es waren viele und da es sich diesmal nur um ein „Freundschaftsspiel“ handelte, ist das auch nicht so wichtig. Gefahren wurde aber trotzdem um Leben und Tod. Ehre hat im wilden Osten eben noch eine andere Bedeutung. Das Bydgoszczer Publikum war dementsprechend aus dem Häuschen, insbesondere wenn ihr Liebling, der junge Russe Emil Sayfutdinov, nach seinem genesenen Armbruch wieder allen anderen um zwei Mopped-Längen davon driftete.

Keine offenen Beine: Brutale Stürze blieben trotz harte Zweikämpfe aus und obwohl es um nichts als nur die Ehre ging, fuhren die Bydgoszczer nach einem klaren Heimsieg sichtlich zufrieden nach Hause in ihre Plattenbauten.

Die bekloppten Securities hatten nix ernsthaftes zu tun und schwitzten sich umsonst in ihren stichfesten Westen bei 30 Grad im Schatten kaputt und wir sind um die Erkenntnis reicher, dass der im Westen oft belächelte Osten, zumindest in Polen, hart am Gas hängt.

Ehrensache. In Polen legen die Fahrer noch selbst Hand an und verpimmeln die Zeit bis zum Start nicht in klimatisierten Massagezelten mit Kohlehydrate-Snacks.

 

Bydgoszcz und Rybnik fahren in der 1. Liga. Eine Spielklasse unter der Extraliga.

 

 

Nix tschechische Jawas. Obwohl ehemaliger sozialistischer Bruderstaat, geben mittlerweile britische GMs den Ton auf dem dreckigen Oval an.

 

Mangelwirtschaft hin oder her. Speedway-Sport war auch in den Zeiten des Sozialismus der Sport Nr. 1 in Polen.

 

Fotos: Paul Walther

Text: Norman Gocke