Das LMP2 Auto mit Oreca Chassis beim Boxenstopp in Le Mans

Das LMP2 Auto mit Oreca Chassis beim Boxenstopp in Le Mans

Natürlich fahr ich schon, und zwar schon lang, Du Depp! So würdest Du jetzt wahrscheinlich reagieren. Es gibt aber eine Klientel, die sitzt laut Sony Playstation bis zum Exzess an der Konsole und erwirbt dabei renntaugliche Driving Skills. So geschehen im Rahmen des internationalen Gran Turismo 5 Online-Wettbewerbs. Schöne Sache, sollen sie doch machen, die Sonys, mir doch egal. Könnte man jetzt denken. Was hat denn bitte Konsolen-Heizen mit echtem Rennfahren zu tun? Die allgemeine Meinung: gar nichts …

Das komplette Team vor dem 24-h-Rennen in Le Mans

Das komplette Team vor dem 24-h-Rennen in Le Mans

Genau dieser Frage wollten wir einmal näher auf den Zahn fühlen, denn dem PR-Versprechen von Sony mit der frei wieder gegebenen Ansage „von der Konsole direkt und erfolgreich auf die Rennstrecke“ können wir zunächst nur bedingt trauen. Doch schön der Reihe nach, wir bleiben bei der ersten Sony Playstation GT Academy im Jahre 2008. Aus 25.000 Teilnehmern wurden die schnellsten 20 virtuellen Racer zur GT Academy geladen, wo der Spanier Lucas Ordoñez in Silverstone auf dem Renn-Tourenwagen Nissan 350Z den Sieg holte. Der 22-jährige Madrilene fuhr nach seinem Academy-Sieg dann zig Rennen in einer britischen Serie auf dem Nissan-Reiskocher und erwarb sich schon 2009 die internationale C-Renn-Lizenz. Damit ging es noch im selben Jahr nach Dubai zu einem 24 Stunden-Rennen, dass die lokalen Scheichs zu ihrer Belustigung mit Top-Fahrern und Autos statt finden lassen. Auch hier schlug sich der junge Ordoñez ganz gut.

Die GT Academy Teilnehmer 2011 beim Kart Rennen in Le Mans

Die GT Academy Teilnehmer 2011 beim Kart Rennen in Le Mans

Immer noch relativ gewöhlich, könnte man meinen. Dann kam jedoch ein ziemlicher Hammer!

Ordoñez wurde ins LMP2 Team von Oreca-Nissan-Playstation zum Langstrecken-Klassiker der 24 Stunden von Le Mans berufen! Er katapultierte sich über seinen Ehrgeiz soweit, dass er an der Seite der beiden Le Mans erfahrenen Top-Piloten Franck Mailleux und Soheil Ayari fahren sollte. Die kennt hier kaum einer, sie sind aber tatsächlich schon seit Jahren sehr schnell und überall auf den Rennpisten unterwegs. Die beiden Profi-Racer  verpassten ihrem neuen Team-Kollegen in Folge eine intensive Schulung auf dem 450 PS Le Mans Prototypen von Signatech-Nissan, damit sich Ordoñez ihren Rundenzeiten zumindest annähern konnte. Als dann final feststand, dass Lucas Ordoñez für die 24 Stunden am Start sein würde, schmiss Sony die PR-Maschine an. Wir waren beeindruckt und nahmen die Einladung nach Le Mans gerne an, bereit, Zeugen einer neuen Rennfahrerlegende zu werden. Nach dem Motto: Steve McQueen war gestern… was dann auch die Vögel von den Dächern des kleinstädtischen Le Mans zwitscherten… Ob bei der öffentlichen Fahrerpräsentation im Zentrum der berühmten Kleinstadt, später sogar durch den Streckensprecher, durch die Moderatoren von Radio Le Mans – einer Art Streckenfunk – oder natürlich wiederholt in der Nissan-Hospitality an der Rennstrecke: fast gebetsmühlenartig wurde das kleine Wunder verkündet. Die heimliche Hoffnung: Würde Ordoñez als Fahrer bei dem Renn-Mythos in Frankreich vielleicht selber zum Mythos werden? Die Antwort: Nein! Der 25-jährige Madrilene erhielt allenfalls Respekt. Verdienten Respekt, denn in dem Haifischbecken eines hochprofessionellen Le Mans-Starterfeldes unfallfrei teilgenommen zu haben, ist für jeden noch so erfahrenen Beteiligten eine große Herausforderung.

Topspeed auf der langen Mulsanne Straight

Topspeed auf der langen Mulsanne Straight

Ansonsten hat der junge Spanier genau das gezeigt, was man erwarten konnte …

Erwarten? Ja, denn ein Blick auf seine eigene Homepage genügte. Bis zu seinem 16. Lebensjahr war Ordoñez bereits aktiver Kart-Sportler, so wie zuvor auch die Schumachers und die meisten anderen erfolgreichen Formel- oder Tourenwagen-Piloten. In den folgenden sechs Jahren Racing-Pause, als Schüler und Student ohne Budget, erweiterte Lucas seine bestehenden Racing-Skills mindestens durch regelmäßige Playstation-Einheiten.  So war der hochgradig auf Erfolg fokussierte spanische Asphalt-Cowboy 2008 reif für den Sieg der GT Academy und konnte die nur geparkte Rennfahrer-Karriere in einem perfekten, professionellen Umfeld wieder aufnehmen. Den Beweis des von der Konsole in den Schalensitz gefallenen Super-Gamers blieb die PR-Maschine uns leider schuldig. Auch seine Rundenzeiten von ein paar Sekunden Rückstand auf die beiden Profis in Le Mans entsprechen seiner natürlichen Rennfahrer-Entwicklung – Playstation hin oder her. Wer Jahre seiner Kindheit und Jugend im Kart zugebracht hat und dann 3 Jahre feinste Rennfahrerschulung von persönlichen Driving Instrukteuren erhielt, samt perfekt abgestimmtem, zuverlässigen Renn-Material aus dem Hause Nissan, gesponsort von der Weltfirma Sony Playstation – der fährt mit Talent und Ehrgeiz dann auch irgendwann ziemlich schnell über die Rennstrecken. Dazu kommt natürlich eine gute Strecken-Kenntnis. Aber die kann man ja vorab realitätsnah auf der Playstation erwerben, so wie andere Profi-Rennfahrer auch, wenn sie einen neuen Kurs auf dem Plan haben.

Audi Phanlanx in Le Mans. Einer kam ins Ziel – als Erster.

Audi Phanlanx in Le Mans. Einer kam ins Ziel – als Erster.

Wir beobachten das Thema für Euch auf jeden Fall weiterhin mit großem Interesse und zollen Lucas Ordoñez in jedem Fall Respekt. Denn das haben wir von Steve McQueen gelernt. Der war auch ein Bewunderer der großen Fahrer bei den Dreharbeiten zu seinem berühmten Rennfilm Le Mans 1970. Das ist eine der zentralen Botschaften, die der Film und McQueen vermitteln. Auch wenn der damals schon 40-Jährige Hobby-Rennfahrer selbst wenige Sekunden zu langsam war und deshalb für die Rennsequenzen nicht im Cockpit sitzen durfte. Wäre er damals schneller gewesen durch intensive Trainingseinheiten auf der Playstation? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Die Sicherheit der damaligen Rennautos war auch das Gegenteil des heutigen Standards. Die beiden völlig zerschellten Audi R18 LMP1 ließen die Fahrer fast unversehrt aus ihren explodierten Wracks klettern – das wäre 1970 im Porsche 917 definitiv anders verlaufen, aber egal: McQueen hätte aus eigener Erfahrung vor Lucas Ordoñez trotzdem jetzt bestimmt den Stetson gezogen.

2. Platz in der LMP2 Klasse

2. Platz in der LMP2 Klasse

Epilog

Die erfolgreichsten Teilnehmer des virtuellen 24-Stunden-Playstation-Rennens am Nürburgring in der grünen Hölle vorletztes Wochenende schafften übrigens acht Runden mehr (164) als die realen Gewinner auf dem Manthey-Porsche 911 mit „nur“ 156 Runden. Ein Zeichen? Fakt ist, dass schnelle Runden auf der Konsole nur mit dem Gefühl für Bremspunkte, Ideallinie und der Strecke an sich zu meistern sind. Immerhin. Für die Entwicklung zum echten, erfolgreichen Rennfahrer braucht man jedoch am besten Jahre der Erfahrung im Kartsport, körperliche Ausdauer- und Muskelkraft und einen eisernen Willen zum Erfolg. Dazu dicke Eier und natürlich reichlich Kohle, egal ob aus privater Quelle oder von solventen Sponsoren, zum Beispiel aus Japan. Wer jung ist und ein schneller Race-Gamer, der kann ja schon mal für die GT Academy 2012 üben, aber bitte das regelmäßige Kartfahren nicht vergessen, macht sich dann ja doch besser.

Die GT Academy Gewinner 2008, 2010 und 2011 in Silverstone

Die GT Academy Gewinner 2008, 2010 und 2011 in Silverstone

Hier gibt’s noch mehr Fotos zu sehen.

Fotos: Sony Playstation, Christian Böhner

Fahrer Interview Nissan Hospitality in der Mitte Lucas Ordonez

Fahrer Interview Nissan Hospitality in der Mitte Lucas Ordonez

Signatech Nissan Team bei der Fahrerparade in Le Mans 2011

Signatech Nissan Team bei der Fahrerparade in Le Mans 2011