Abseits vom hybridgetriebenen Gay Pride in Downtown und hormongetriebenem Surf Pride in Pacific Beach, trifft man auf das wahre Amerika: Den Barona Drag Strip im kalifornischen Hinterland. Bereits die Anfahrt ist eine absolute Materialschlacht. Die mit Niederschlag ueberforderten Kalifornier bauen auf den Highways Auto-Jenga, sodass man nach ein paar Meilen das Gefuehl hat, auf dem Vedes-Verkehrsteppich einer ADHS-Vorschulklasse unterwegs zu sein. Unfallfrei vom Highway runter, laesst uns das Land mit dem am besten ausgebauten Verkehrsnetz kaum Zeit zum Durchatmen.

Ein heillos überfordertes Navi führt ueber Schotterpisten mit Steinschlaggarantie grob in Richtung Wildcat Mountain Road. Vermutlich können auch die Satelliten kaum glauben, dass wir uns freiwillig immer weiter in Redneck-Gebiet bewegen.

Am Zenith des American Way of Life angekommen, sieht auch das Navi klar und deutlich die Beschilderung zum Rodeo und zum Indianerreservat. Ähnliche Bauart und Sicherheitsvorkehrungen lassen auf wechselseitige Nutzung der Gebäude schliessen. Vom Katastrophentourismus getrieben, drehen wir eine Extrarunde ums Lager, vielleicht hat der Häuptling ja Hofgang …

Einige Althippiebehausungen mit psychedelisch angemaltem Bauschutt und amorphen Pickups der Baujahre ’55 bis ’70 im Vorgarten weiter, sehen wir uns mit der Tatsache konfrontiert, dass Hinweisschilder, wie „Subject to Flooding“ oder „Dip“ offenbar vor unverhofft auftretenden Stauseen und Erdrutschen statt vor Pfützen und Senken warnen.

Was soll’s. Das Loch im Endpott gleicht den Sound der Optik an und fuer Klimaanlagen hat hier oben sowieso niemand Verständnis.

Nach 40 Meilen und einer Stunde Fahrtzeit wird uns wieder vor Augen geführt, dass Amerika neben illegalen Einwanderern und dem KKK vor allem Distanzen zu bieten hat. Und dass LeMans in den Haenden von GM mit „schnell“ noch soviel zutun hat, wie Pontiac mit indianischen Stammesfuehrern. Egal. Fuer Streckenrekorde sind heute die Menschen auf der anderen Seite der Betonbegrenzung verantwortlich.

Edith und Pauline vom Kassenhäuschen scheinen sich sehr über den Besuch der beiden Weissbrote im Holzauto zu freuen und wünschen nach Ablasszahlung einen „Wonderful Racing Day“. Nach 8 $ für freie Parkplatzwahl bis ins Fahrerlager, einer Zuschauertribüne direkt an den Racecar-Endrohren und der Aussicht auf Käsepommes, werden wir den mit Sicherheit haben.

Bevor wir uns aufs Test&Tune konzentrieren koennen, muessen wir erstmal Backwood California verarbeiten. Das Stammpublikum lässt sowohl auf einen Generationswechsel im Sechzehn-Jahres-Rhythmus, als auch auf Verzicht auf Auffrischung des familiären Genpools schliessen. Die mit exotischen Pflanzen und Insekten verzierten Oberarme der ozonbelasteten Strandjugend in San Diegos Beach Districts, werden in den Bergen durch selbstgestochene Knast- und Suff-Tattoos abgelöst. Meist in Form von halb verblichenen aber umso leidenschaftlicheren „Rosie Forever“-Schriftzuegen oder selbst erfundenen Familienwappen.

Genauso uneitel geht man in Barona mit der Streckensicherung um. Einseitig markiert das Gelaende ein nebenbei aufgestellter Jägerzaun, beim gesamten Rest verlässt man sich darauf, dass kein Amerikaner jemals auf die Idee kaeme, sich auf einen nicht planierten und asphaltierten Fussmarsch zu begeben. Erst recht nicht, wenn neben dem Race Track One-Pound-Burger angeboten werden.

Burger, Pommes und Zuschauer schützt man fernab von klagewütigen Silikonopfern durch die Gesetze der Physik: Knappe 10 ft. Abstand zur Menge- für fehlgeleitete Fahrzeug- oder Fahrerteile eine unueberwindbare Distanz. Und wie desensibilisiert man den Rennnachwuchs besser als mitten im Burnout-Smog? Pseudokrupp hat hier oben sicher niemand.

Die entspannende Wirkung des Kohlenmonoxid-Gummi-Gemischs aufs zentrale Nervensystem, sorgt bei den Kleinen für eine erstaunlich hohe Aufmerksamkeitsspanne und Wheelie-Mike bei den Hausfrauen in der letzten Reihe fuer enthemmte Jubelschreie.

Sobald er sich mit seinem ’57 Chevy der 1/8 Meile nähert, drehen Katelyn und Co. so durch, dass sie kurz vergessen, dass ihre Söhne seit der Rückkehr aus Afghanistan ähnlich pflegeintensiv sind wie zuletzt vor 17 Jahren.

Als wir nach vier Stunden kurz vor der Junkfood-Vergiftung stehen, die Fahrer der asiatischen Kleinwagen einsehen, dass sie nicht mal ihre Mütter beeindrucken koennen und Stuntman Mike auch das letzte Lapdance-Angebot dankend abgelehnt hat, wissen wir, dass es an der Zeit ist, diese wundervolle Hillbilly-Enklave zu verlassen.

Am Ende des Tages sind wir überzeugt: Wie die Drei-Wochen-Kur auf Borkum gestresste Banker mit Burnout-Syndrom vorm Schlaganfall rettet, ist fuer SoCal-Lifestyle-Geschädigte wie uns die Burnout-Kur in Barona die letzte Ausfahrt vor der Halbseitenlaehmung.

Doch keine Zeit fuer Sentimentalitaeten, es zieht Regen auf …

Text: Katharina Franke
Fotos: Norman Gocke